Archiv des Autors: kvhp

BENJA SACHAU

HEPPENHEIM

Die zeitliche Segnung

18.05.-03.06.2012

Zeitliche Segnungsanlage, 2012
Mixed Media, 3teilig
16 x 26 x 8 cm
16 x 26 x 12 cm
20 x 30 x 8 cm

Helden der Arbeiterklasse:Gemeines Teilchen (Mario, Pjotr und Luiz), 2012
Weide und Glühdraht
80 x 70 x 70 cm

Trauerndes Konstrukt, 2012
Lack und Holz auf Holz
158 x 158 cm

Taufbecken Modell Bagdad, 2012
Mixed Media
30 x 80 x 80 cm

Gruppenbild mit Feuerverkäuferin, Kracheranzünder, Sekt- und Blumenhändlerin, Padre und dem Konicamann, 2012
1 Kanal videoloop, 4:16 Min

Higgs-Boson/Gottesteilchen (), 2012
Messing und Edelstahl
80 x 70 x 70 cm

BENJA SACHAU    

Heppenheim – Die Zeitliche Segnung

Das Higgs-Boson, auch Gottesteilchen genannt, ist in der Teilchenphysik ein theoretisches Elementarteilchen dessen Existenz bisher noch nicht nachgewiesen werden konnte. Sobald das geschieht, wird als Folge unser Verständnis und Wissen des Universum neu definiert. Das Gottesteilchen, das anderen Teilchen eine Masse verleihen soll, könnte alle grundlegenden Interaktionen der Natur offenbaren. Genau diesem Schwebe- und Wartehaltungszustand widmet sich die Ausstellung Heppenheim – Die Zeitliche Segnung.

Die Dauer der Ausstellung wird durch die Installation Zeitliche Segnungsanlage definiert, bestehend aus zwei Klangschalen, eine innerhalb und eine außerhalb des Ausstellungsraums. Über einen Mikroprozessor gesteuert starten sie zeitgleich gegeneinander laufend im Abstand der Fibonaccisequenz, nur Anfang und Ende finden zeitgleich statt. Der Betrachter wird somit eingeladen, die Ausstellung als Zeremonie zu erleben. Diverse Objekte und Skulpturen, wie auch die generelle Atmosphäre in dem Raum sind von einer ambivalenten Kombination aus heilig und profan, wissenschaftlich und mystisch geprägt.

Entgegen ihrem ursprünglichen Gebrauch als asiatische Frühstückschalen werden in der westlichen Esoterik Klangschalen zur Meditation eingesetzt und funktionieren nun als akustischer Rahmen in Sachaus Segnungszeremonie. Sowohl in ihrer Substanz als auch in ihrer Form reflektieren drei verschiedene Beispiele von Elementarteilchen eine darunterliegende hierarchische Gesellschaftsordnung. Ein Taufbecken in der Form eines UFOs beinhaltet einen Nachbau eines 4000 Jahre alten stromerzeugenden Behälters, der unter Anhängern der Präastronautik als Beweis für extraterrestrischen Besuch auf der Erde gilt. Das Video Gruppenbild mit Feuerverkäuferin, Kracheranzünder, Sekt- und Blumenhändlerin, Padre und dem Konicamann zeigt ein interdisziplinäres Joint Venture einer Massenautosegnung in Bolivien. Das vom Mathematiker und Physiker Roger Penrose entwickelte Penrose-Parkett benutzt der Künstler, um ein schwarzes Quadrat aus handgesägten, aperiodisch angebrachten Holzkacheln anzuordnen. In der Tat wurde dieses dekorative Motif bereits vor 500 Jahren im Iran benutzt. Somit setzt der Künstler mit der Kachelarbeit Trauerndes Konstrukt heutiges Wissen mit Ideen auf eine Stufe, die über die Jahrhunderte verloren gegangen sind, und stellt gleiche Auffassungen von Entdeckung und Fortschritt in Frage.

In seinen Werken hinterfragt Sachau die Grenzen des Bekannten und Unbekannten und inwiefern kommerzielle Forschung alleine zum Verständnis der Welt beitragen kann.

Alle Werke, die hier gezeigt werden, kombinieren diverse Historien und Wissen; funktionieren als Hinweise auf wissenschaftliche Theorien aber auch auf mystisches oder parawissenschaftliches Glauben; sind Ausdruck eines umfassenden und komplexen Verständnises der Welt, das von der Koexistenz und dem Geflecht ferner kultureller Positionen keinen Abstand nehmen kann.

Mit Heppenheim – die Zeitliche Segnung deutet Benja Sachau darauf hin, dass es keine Lösung der Kontinuität wirklich geben kann. Sollte menschliches Wissen regelmäßig Veränderungen und Revolutionen durchleben, ist das, was wir heute von der Welt verstehen im Endeffekt das kumulierte Ergebnis vieler Zivilisationen und Jahrtausende der Geschichte. In diesem Zeitraum und über Kontinente hinweg haben sich Ideen und Formen gebildet, die wieder verschwunden und manchmal wiedergekehrt sind.

Text: Francesca Boenzi


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.