MARCEL PETRY

al atlal THE BIG GOODBYE

16.08.-30.08.2013

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110x100cm,-2013 Kopieo. T, 110 x 100 cm, 2013  120x90cmo.t.2013- Kopie MARS-SEKHMET,  120 x 90 cm, 2013 Marcel Petry 3 120x90cm, 2013 Kopieo. T., 120 x 90 cm, 2013

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Aquarell auf Papier, 24 x 32cm

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Aquarell auf Papier, 24 x 32cm

B“ Bi l idl de er rk ku un ns ts vt vo ol l lel er rT Tä äu us cs hc hu un ng g”

Marcel Petrys Werke sind vielschichtig, rätselhaft, kühl und sachlich distanziert, faszinierend, eigenwillig, real und imaginär zugleich. Viele Motive sind häuslicher Natur. Ein ganzer Fächer an Adjektiven und teilweise Gegensätzen ist für die Annäherung an die Arbeiten notwendig.

Zunächst erscheinen die Bildwerke für den Betrachter aus semantischen und narrativen Elementen zu bestehen, als wollten sie uns, über einen kurzen malerisch festgehaltenen Moment, vollständige Geschichten erzählen. Es müssen Alltagssituationen sein. Durchgängig sind allerdings nur wenige Zusammenhänge wirklich sichtbar gemacht: Stile von Ambiente, immer wieder auftauchende Gegenstände, Lichtnuancen und Farbtemperatur sowie scheinbar gleichwertige und belanglose Situationen. Anfangs glauben wir, wir wären selbstverständlich eingebundene Zeugen eines bestimmten Geschehens und wissen genau was da vor uns abläuft.

Doch schon nach kurzer Zeit merken wir, dass dem gar nicht so ist und wir eigentlich gar nichts wissen. Nicht allein, dass allen Bildern eine gewisse Unbehaglichkeit und eine indifferente Gefahr ausstrahlen, sondern es entsteht auch das Gefühl Täuschungen zu erliegen. Auf unterschiedliche Weise wird uns dies vom Künstler vermittelt: eine dunkle Gestalt, ein Affenwesen in menschlichem Umfeld, eine eigen- willige, kontextfreie Übermalung, Konstruktion und Motivadditionen. In vielen Bildern Petrys gibt es malerische Eingriffe in die vermeintliche Handlung, die die Realitätsebene aufbrechen, die einen Eindruck des Unwirklichen stärken. Sie stehen vor der Leinwand, haben keinen räumlichen Bezug, wirken eher wie Ausbesserungen, verdecken oder rahmen ein, sind Projektionen, Traumbilder oder regelrecht Visionen.

Versatzstücke sind fragmentarisch zusammengefügt. Der Künstler tut so, als kommuniziere er mit uns auf sehr direkte Weise, entreißt uns aber die Grundlagen der direkten Teilnahme. Die offerierte Dialektik wird absurd. Wir sind angewiesen auf unsere Assoziationen, Gefühle und Interpretationen. Eine Gesprächsführung ist auch deshalb kaum möglich, weil der Künstler zwischen Dokument und eigener poetischer Kommentierung oszilliert. In uns wächst die Unfähigkeit, die Bildsprache, den Inhalt, die Situationen einschätzen zu können.

Marcel Petry zeigt uns Augenblicke, deren Geschichte wir nicht wirklich kennen. Seine Momente sind so gewählt, dass sie weder codierbar, noch rekonstruierbar sind und rätselhaft bleiben. Alles entzieht sich unserem Zugriff. Also doch keine Realität? Vielleicht ähnlich der täuschenden Realität eines Films? Ein inszeniertes Filmset möglicherweise.

 Verbindet der Künstler erkenntnistheoretische Fragen nach Wahrheitsgehalt und Lüge mit der Kunst? Beide Seiten, die Täuschung und die Kunst, verführen und sind trügerisch, faszinieren und ängstigen simultan.

Film und Performance sind jedoch durchaus Inspiration für den Künstler. In einem weiteren, unabhängigen Werkkomplex verbindet Marcel Petry Fremdhandlungen und eigenes künstlerisches Konzentrat miteinander. So basiert eine Serie (Anmerkung: im KVHP ausgestellt) von schwarz-weiß-grau gehaltenen Aquarellen auf einem ägyptischen Dokumentarfilm einer musikalischen Performance aus dem Jahr 1966. „Al Atlal“ (Die Ruinen), so der Doku-Titel, entstammt ursprünglich einem Gedicht des namhaften ägyptischen Lyrikers Ibrahim Nagi (1898-1953), das dieser der ebenfalls ägyptischen Sängerin Oum Kalsoum (1904- 1975) widmete. Erst dreizehn Jahre nach Nagis Tod kam es zur Aufführung und filmischen Dokumentation des mittler- weile vertonten Stücks mit Orchester.

Die 50-minütige Originalaufführung ist als Filmdokument ausschließlich aus zwei Kamera- und Tonperspektiven, aus weiter Entfernung und unter Live-Bedingungen aufgenommen worden und entsprechend bildlich wie klanglich qualitativ mangelhaft. Der Fokus – sowohl in der Dokumentation wie in der künstlerischen Arbeit von Petry – liegt vielmehr auf der Inszenierung der Sängerin Oum Kalsoum, die in den 1950er- und 1960er-Jahren in der arabischen Welt zu den berühmtesten Musikerinnen gehörte. Mit wenigen Gesten, einem Tuch in der Hand intoniert sie zum Entzücken des Publikums die Verse Nagis. Inhaltlich beschäftigt sich das Stück mit dem Phänomen der Vergänglichkeit: der Liebe und der Schönheit, die am Ende lediglich als Erinnerungsgerüst, als Ruine verbleibt. Die Verse leiten den Zuhörer in Momente des Entstehens und Vergehens. Dieses romantische Motiv, das wir im Abendland ebenfalls aus der Literatur, Kunst, Architektur und Musik kennen, bildet eine imaginäre Brücke zu den Aquarellen Petrys.

Er hat in mehreren Schritten versucht, dem öffentlich zugänglichen Material alles an Information abzutrotzen, was möglich war. Er aquarellierte auf DIN A 4 großen Blättern tagebuchartig kleine Close-Ups, die in der Reihung wie ein Storyboard wirken. Die lasierende, etwas verschwommene Ästhetik der Aquarellmalerei schien für ihn das beste Pendant zum Originalmaterial sein. Seine Arbeit setzt das Gedicht und Musikstück in einzelne eigenständige Bildfragmente um und versucht in der Serie, jene magischen Momente zu teilen, die die Live-Performance gehabt haben muss.

Claus Friede

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