MAX FRINTROP

keine Welt

 

 

 

 

„keine Welt“, Max Frintrop im Kunstverein Heppenheim

 

Die neue Werkserie von Max Frintrop nimmt eine besondere Stellung in seinem bisherigen Schaffen ein. Das Experiment bleibt die Grundkonzeption, aber die Ausformungen scheinen klarer zu werden. Blau, Rot und Weiß dominieren, bisweilen erobert das Weiß die Leinwand und bildet ein aufgetragenes Nichts, das zum wilden Denken einlädt.

Ohne politische Intention greift Max Frintrop jedoch bewusst zu diesen Farben, denn sie haben ständig weltweite Präsenz und können als zeittypische und stark präsente Farben betrachtet werden. Man assoziiert die Farben schnell mit der Nationalflagge der USA und so zeigt sich, wie stark unser Denken und unsere Welt-Erfahrung durch das Arrangement von Farben manipuliert werden kann.

Lässt man sich auf eine solche Interpretation ein, dann schlägt diese Interpretation eine Wunde ins Denken, denn dies als Erklärung anzunehmen ist unbefriedigend und hinterlässt mehr offene Fragen als Antworten.

Der Titel der Ausstellung „keine Welt“ bezieht sich auf Rainer Maria Rilkes bekanntes Gedicht „Der Panther“. Das in der Wildnis gefangene Tier geht seinen beengten, ihm von den Menschen zugewiesenen Raum ab und verfällt schrittweise der Monotonie. Jede Wildheit und Freiheit wurde ihm genommen und durch eine vollständig kontrollierte Umgebung ersetzt, bis sogar die letzte Erinnerung an das Leben in Freiheit durch einen äußeren Reiz zwar erweckt wird, aber das gebrochene Tier nur noch resignieren kann. Sein natürlicher Lebensraum wurde ihm genommen, es ist zum Ausstellungsstück, zum Objekt einer ihm unbekannten und undefinierbaren Masse geworden, die beide einander nicht verstehen. Die jeweilige Betrachtung wird durch die Gitterstäbe gefiltert. Die natürliche Wildheit, die spielend den Betrachter zerreißen könnte, auf der Seite des gefangenen Tieres, ist wie die gebändigte und festgesetzte Kraft eines Kunstwerks, das im Rahmen einer Ausstellung betrachtet wird, der scheinbar rationale Mensch, der sich selbst das Raubtier untertan zu machen imstande ist, fühlt sich überlegen. Der Filter verhindert den Zugang des Betrachters auf die Echtheit des Tieres, die Gitterstäbe, die den Blick des einst Freien unterbrechen und beständig ablenken, lässt ihn nicht erkennen, was und ob eine Welt hinter der Grenze ist. Obwohl der Panther im Innersten weiß, dass es eine Welt hinter den Stäben gibt, erlöscht die emotionale Erinnerung daran durch die nur partielle Sichtbarkeit der Welt hinter dem Filter.

So beobachten sich Kunstwerk und Betrachter immer wieder durch ein Filtersystem aus Bildung, Vorgabe und Anlass. Max Frintrop will diese Filter verdrängen und Bewegung in die Rezeption bringen, das bloße Betrachten aufbrechen und mittels seiner persönlichen Ästhetik den Betrachter einbeziehen, zum aktiven Mitgestalter machen. Auf der einen Ebene symbolisch angestachelt durch die verwendeten Farben, auf einer weiteren Ebene, der des wilden Denkens, wird die Farbgebung durch das Weiß im Zentrum verdrängt und öffnet neue Räume.
Betrachten wir die weißen Flächen als die Freiräume unseres Denkens, die zwar umgeben sind von einer Farbsymbolik, die ihre Bezüge geradezu aufdrängt, und verstehen wir diese Freiräume nicht als aufgetragene Fläche, sondern als Fläche, die aus zentraler Kraft die Interpretationsvorgaben an den Rand drängt, so wird der Betrachter zum Mitgestalter, denn der entstandene Freiraum muss gefüllt werden. Wir sind der Panther, wir sind die Zuschauer.

Als Rainer Maria Rilke seine Neuen Gedichte beendete, war er Mitte 30, sowie Max Frintrop jetzt. Rilke wendet sich von ekstatischer Subjektivität und der gefühlsbetonten Dichtung ab und begibt sich auf das Feld der Dinggedichte, der poetischen Beschreibung des Objekts. Auch wenn Max Frintrop in dieser Serie keine Objekte beschreiben will, orientiert er sich hier neu, verlässt das Feld der gebrochenen Strukturen aber nicht. Das Weiß im Inneren der Bilder ist die Herausforderung an den Betrachter, dem Werk zu folgen und es in Frage zu stellen. Das Weiß ruft zum Widerstand auf, denn es ist ein Raum, der mit Bedeutung gefüllt werden will und somit greift die Nicht-Intention einer möglichen politischen Interpretation zwar in das Betrachten ein, aber sie ist nicht einzig und verlängert den Blick wieder auf die Poesie jenseits einer konfektionierten Meinung.

 

Mirko Stauch, M.A.

 

Über den Autor:

Mirko Stauch, Lehre als Buchhändler, Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie, Autor, Schauspieler, Theaterregisseur Podcaster und Bestatter in Krefeld.

Mit Max Frintrop verbindet ihn eine langjährige Freundschaft.

 

Max Frintrop, Advice for the young at heart, 220 x1 70 cm, 2017

 

 

 

 

 

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