EGON ZIPPEL

URBAN BAROQUE

 

       EGON ZIPPEL                       URBAN BAROQUE

 

Egon Zippel wurde 1960 in Rumänien als Sohn deutscher Eltern geboren, wanderte dann jedoch als 4-jähriger mit seiner Familie nach Deutschland aus und lebte im Raum Heidelberg/Mannheim. 1981 absolvierte er die Fachhochschule für Gestaltung in Mannheim. Danach erhielt er ein FulbrightStipendium, das ihn nach Texas führte. Von Amerika begeistert, blieb er in den USA und arbeitete als Kommunikationsdesigner bei Anthony Russell und studierte am New York Institute of Technology,an dem er sich vornehmlich mit Computergraphics befasste. 1991bis 1992 folgte ein Italienaufenthalt mit Ausstellungen in Mailand und 1992-93 noch ein Postgraduierten-Studium am Institut für neue Medien in Frankfurt.

Seit zwanzig Jahren lebt und arbeitet der Künstler in New York, zeitweise war er auch als IT Spezialist tätig. Heute lebter in einemNew Yorker Loft.

Zippels erste Ausstellung in Deutschland erfolgte 1987 im Kunstverein in Leimen, gefolgt von weiteren Ausstellungen in Hamburg, Düsseldorf, Köln, Mailand, Mannheim, New York, Los Angeles

Durch seine Studiengänge setzte sich Zippel umfassend mit den Einflüssen der Medien auf die Gesellschaft auseinander.

1995 erscheint der Katalog zur Ausstellung „Wertewelten“ in Berlin. In dieser Schrift setzt in der sich der Künstler mit einigen Mitautoren kritisch mit dem Einfluss der neuen Medien auf die Kinder und den daraus resultierendenAuswirkungen auf die Gesellschaft auseinander.

Sprachstörungen, Kommunikationsunfähigkeit, gestörtes Sozialverhalten, Nervosität, mangelnde Kreativität und kognitives Denken werden in Zusammenhang gebracht mit der „schönen neuen Medienwelt“ (Dietmar Schuth, S. 2) durch die die Kinder bereits im Vorschulalter eine „visuelle Überflutung mit schnellen Bildern“ (Schuth S.2) durch Fernsehen, Game-Boys und Bildschirme erlebten , was zu einem unbewussten und kritiklosem Konsumverhalten führe, das wiederum eine leichte Manipulierbarkeit durch Werbung und Wirtschaft ermögliche.

Lesen, Schreiben, Sprechen und Denken werde immer schwieriger. Das Reden in ganzen Sätzen und das Lesen von ganzen Büchern sterbe aus, das alphabethische System erscheine zu alt und kompliziert und werde zunehmend durch visuelle Zeichen und Piktogramme ersetzt.

Interessant ist, dass diese These 1995, also vor mehr als zwanzig Jahren aufgestellt wurde und heute im Grunde bestätigt wird, schaue man sich einmal die Kommunikationen auf z.B. „Whatsapp“  mit ihren Emojis an.

Ein Ersatz von Wörtern durch Symbole, die jeder versteht, unabhängig seiner Herkunft und Sprache, hat jedoch auch entscheidende Vorteile, bedeutet Globalisierung und ermöglicht weltweite Vernetzung ohne hemmende Sprachbarrieren.

Insbesondere die Werbung und die Wirtschaftskonzerne mit Ihren Markenlogos machen sich dies schon lange zu Nutze und installieren graphische Symbole, die weltweit verstanden und erkannt werden und für ein bestimmtes Lebensgefühl stehen und zu Ikonen der Konsumgesellschaft geworden sind wie z.B. die Logos der einzelnen Automarken, Coca Cola, Nike, Marlboro, Mickey Mouse, Mc Donalds, deren Symbole mühelos von jedem Kind wiedererkannt werden und bereits seit Jahrzehnten geläufig sind. Der Umgang mit diesen Zeichen ist für uns eine große Selbstverständlichkeit geworden, ja aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, so „symbolisiert z.B. die weiße Coca-Cola Welle auf rotem Untergrund weltweit gute Laune, westlichen Fortschritt und Wohlstand“ (Stahter, Martin, S. 4).

Emmerling stellt fest, dass ein“nicht unbeträchtlicher Teil der alltäglichen Kommunikation, der Festlegung von Werten, sozialem Status und der Orientierungserleichterung intra- und interkulturell über solche Zeichen  läuft“ (Emmerling S.6)

Der Autor Schuth sieht in der Verwendung von Piktogrammen jedoch eher einen Rückschritt , verglichen mit der Hieroglyphenschrift der alten Ägypter und befürchtet, dass sich demnach auch die Gesellschaft wieder  auf ein vereinfachtes Niveau herabsenke, da bereits heute in den höchstentwickelten Wohlstandsgesellschaften Randgruppen erzeugt würden, wie z.B. „die Slumbewohner in den USA , die steinzeitliches Revierdenken mit primitivem Faustrecht,Ritualen, Sprachen und Musikformen“ ausbildeten, die ein „Utopie vom Weltfrieden schnell wieder vergessen“ machten.

Egon Zippels Werke entstehen aus solchen“weltumspannenden“ Symbolen, indem er Sticker, die er in den Städten überall findet, sammelt und collagenartig in neue Bildzusammenhänge bringt. Graffity und Sticker sind für Zippel Fragmentedes Ausdrucks urbanen Lebens. Sie zeigen die Vitalität und Realität der menschlichen Existenz, beinhalten direkte oder indirekte Aussagen und Statements.

Diese Zeichen, Logos oder Piktogramme ergeben ein neues Ornament, ein neues Piktogramm, das in sich jedoch unzählige dieser beherbergt und aus diesen entstanden ist.  Durch die Neuanordnung werden sie ornamental verfremdet, zu neuen Formen aneinandergereihtoder leicht übereinander-lappend fixiert und arrangiert.  Entscheidend ist hierbei, dass er die Aufkleber alle selbst in den Städten findet, ablöst und in kleinen Booklets sammelt, um sie dann in seinem Studio wieder zu seinen eindrucksvollen Kunstwerken zu arrangieren. Hierbei fasziniert den Künstler auch der gebrauchte Look, das authentische, es ist wichtig, dass die Sticker bereits genutzt wurden und schon Gebrauchsspuren aufweisen.

So entstanden beispielsweise die Städteserien, bei denen lediglich Sticker, die in einer bestimmten Stadt gefunden wurden verwendet werden, wie z.B. Rom, und hierdurch eine ganz eigene Charakteristik aufweisen.

Somit ist man versucht, Zippel in Zusammenhang mit anderen Street Art Künstlern wie Basquiat, Keith Haring oder Banksy zu sehen, doch  bei Zippel liegt, wie der Katalogautor Noa Becker festgestellt hat, eine andere, reinereIntention- Becker nennt sie Purity- vor,durch die, im Gegensatz zu obengenannten Künstlern,  die Relikte der Konsumgesellschaft gesucht, entfernt und gesammelt werden, was er als „de-vandalising“ bezeichnet, da das Anbringen von Stickern heute als Vandalismus bezeichnet und sogar bestraft wird.

In seinen collageartigen Arragements verschmelzen  Ornament, Schrift, Bild, Logos, Tags und Zeichen zu neuartigen Kompositionen, die häufig an barocke Motive wie Spiegel, Wappen und Sonnen erinnern, bei denen erst auf den zweiten, genaueren Blick erkennbar ist, woraus sich das Motiv zusammensetzt.

Hier lässt sich auch den Bezug zum Ausstellungstitel herstellen „urban baroque“. Der ganze Raum des Kunstvereins Heppenheim wird überzogen mit Stickerornamenten, Konglomeraten, sogenannten Stickerbombs,oder Reihungen,teilweise umgeben von grellfarbigen Neonklebebändern was an die Wand- und Deckenmalereien der Barockzeit erinnern soll. Entsprechend der Signalwirkung der Werbesticker sind hierbei Rottöne und Schwarz-weiß Kontraste vorherrschend.

Die Zeitepoche des Barock zeichnet sich kunsthistorisch durch eine  Überfülle an prunkvollen Ornamenten, Malereien und Skulpturen aus. Kräftige Polychromie, vor allem  Rot- und Goldtöne beherrschen den Gesamteindruck um von der Macht und dem Reichtum seiner Besitzer zu zeugen und den Besucher zu beeindrucken.

Zieht man nun vergleichende Schlüsse, entsteht hier durch diese Installation  eine Aufarbeitung der Konsumgesellschaft, die Zippel gewissermaßen mit dem Repräsentationsbedürfnis des Barock vergleicht. Das Ziel des Menschen, andere zu beeindrucken, Statussymbole zu besitzen, sich durch die Benutzung oder den Besitz bestimmter Dinge einer Gruppe zugehörig zu fühlen, scheint ein uraltes Grundbedürfnis der menschlichen Kultur zu sein. So sind auch die Sticker häufig Zeichen einer territorialen  Inanspruchnahme, freien Meinungsäußerung  oder Zeichen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppierung.

Besonders interessant ist es, dass Zippel sich hier zur Darstellung dessen lediglich der Wegwerf- und Marketingprodukte der heutigen Gesellschaft zu bedienen braucht, um eine sehr umfassende und tiefgehende Gesellschaftsanalyse auszudrücken.

Gesellschaft im Überfluss, schon alleine verkörpert durch die unglaubliche Menge an zusammengetragenen Stickern und hier verstärkt durch das Arrangement im KVHP in Sinne des „horror vacui“, der Angst vor leerem Raum, aufgehoben durch Überfülle.

Dennoch geht Zippel an die Komposition der Werke auch mit einer quasi  wissenschaftlichen Seite heran, denn erst durch die Entnahme der Sticker aus ihrem „natürlichen Umfeld“ sichert er wie ein Anthropologe Zeugnisse derzeitgenössischen menschlichen Kultur und kann sie exakter arrangieren. Durch die ausgebildeten Formen und Ornamente entsteht wieder eine gewisse Ordnung im Chaos.

Egon Zippel erstellt noch drei andersartige Werkgruppen, von denen eine weitere hier zu sehen ist, bei der nur noch Reste von Klebestreifen, der Abfall der bei seiner Kunstproduktion entsteht, die sogenannten By-products, in lockeren Arrangements auf ein Stück Sackleinen geklebt und somit zu einer abstrakten Komposition werden.

Eine wichtige Arbeitsgruppe stellen seine sogenannten Polaroids da, die in großer Anzahl im Katalog abgebildet sind. Hierbei handelt es sich um Kugelschreiberzeichnungen, die er seit über zwanzig Jahren stets im gleichen Format eines Polaroidfotos anfertigt und die gewissermaßen die Schnappschüsse unmittelbarer Eindrücke, die Zippel in irgendeiner Weise beeindrucken und wichtig erscheinen, kurzfristig festhalten. Alleine auf der Reise nach Heppenheim sind bereit neue dieser „Polaroids“ entstanden. Hierbei spielen auch Schrift, Schriftzeichen und Sinnsprüche ein wichtige Rolle, die ebenfalls gesellschaftskommentierende Aussagen beinhalten.

Die dritte Werkgruppe bildet quasi eine Brücke zwischen Leuchtreklame und Skulptur, indem markante Über- Symbole, wie z.B. Jing und Jang, das Peacezeichen oder das Hakenkreuz in Leuchtkästen übereinander angebracht werden und somit eine totempfahlartige Skulptur entsteht.

Insgesamt führt der spielerische und experimentelle Umgang mit den Formen der Logos und Sticker,die Egon Zippel als Vermittlungsebene gewählt hat, zu einer ungezwungenen, tiefschichtigen Auseinandersetzung mit der Macht des Konsums und der Icons in unserem Alltag.

Dr. Anke Emig

 

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