PAUL CZERLITZKI

BLIND

KVHP                Paul CZERLITZKI       BLIND

 

Paul Czerlitzki wurde am 15.3.1986 in Danzig in Polen geboren. Seine Mutter war bereits als Künstlerin tätig und gab Zeichenkurse. So erlernte er bereits als Kind den Umgang mit dem Zeichenstift.

Sein Kunststudium absolvierte er von 2009 bis 2014 an der “Staatlichen Kunstakademie“ in Düsseldorf, als Meisterschüler von Professor Katharina Grosse.

2011 erhielt er die Studienstiftung des Deutschen Volks

2013 erhielt er das Citédes Arts, Paris, 2014erhielt er eine Förderkoje auf der Art Cologne der Rubrik „New Positions“ und

2015 ein Atelierstipendium des Kölnischen Kunstvereins

Ausgestellt hat er unter anderem in Bern, Zürich, Berlin, München, Köln, Düsseldorf,Düren, Bonn, Frankfurt, Mailand, Paris und Prag.

Paul Czerlitzki lebt und arbeitet in Düsseldorf.

 

Czerlitzki experimentiert mit künstlerischen Prozessen. Sein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf der Beziehung zwischen Kunstwerk, Künstler und Betrachter, er untersucht die Grenze von Sichtbarem und Unsichtbarem auf radikale Art und Weise.

Sein Interesse an der Stofflichkeit der Materialien und welche Wirkung hierdurch erzielt wird fasziniert den Künstler seit Jahren. Das Experimentieren mit Materialien begann er, nachdem ihn klassische figurative Darstellungen langweilten und künstlerisch nicht zufrieden stellten.

Begonnen hat er mit dem Zerschneiden und Falten der Leinwand und dem Zersägen der Holzleisten.

Er reduzierte seine Medien, sprich Leinwand, Farbe und Pinsel immer mehr, stellt sich die Fragen, mit wie wenig Material ein Werk entstehen kann, was passiert, wenn ein Medium das andere durchdringt.Selbst der Pinsel wurde weggelassen, was zwangsläufig zur Verwendung von Sprühfarbe führte.

Czerlitzki erarbeitetebislangfünfWerkgruppen, die alle durch einen geplanten Prozess, methodisch und organisiert entstehen.

  1. Makeup: Leinwände werden mit Fotokopien ihrer selbst bedeckt. Der Pinsel und Farbe wird weggelassen.
  2. Fleshout: Leinwände werden zunächst von beiden Seiten mit einem Knochenleim und anschließend Schicht für Schicht mit einem klaren Acrylgel verschlossen.
  3. ANNA: Leinwände werden mit schwarzem, unfixiertem Pigment bestäubtwodurch bei Berührungenaus Versehen oder mitAbsicht Spuren entstehen. Durch die kugelförmige Molekularstruktur der Pigmente changiert die Farbigkeit von hellgrau zu anthrazit (gerade im Kunstmuseum Bonn zu sehen) (Ankauf Bundeskunstsammlung)
  4. September: Beinahe quadratische, an der Wand lehnende Formate, die eine kreisförmige, bis nahe an den Rand reichende Aussparung in der Bildmitte dominiert. Gewissermaßen wird das Herzstück der Arbeit herausgenommen, weggelassen; Reduktion auf Quadrat und Kreis, das bereits seit der Renaissance (Leonardo da Vinci, Idealbild des Menschen) als Sinnbild der Perfektion gilt.Czerlitzki stellt hier im Heppenheimer Kunstverein sechs Arbeiten aus seiner fünftenWerkgruppe„untitled“ aus, in der er sich seit 2010 hauptsächlich mit der Frage beschäftigt, was der Künstler durch das Medium direkt sagen kann. Es handelt sich um Leinwände, deren monochrome Rasterstruktur in einem Farbton zwischen schwarz und weiß dadurch zustande kommt, dass Farbe durch eine Leinwand auf eine darunterliegende gesprüht wird. Die Struktur der Werke entsteht dabei durch den geringfügig unterschiedlichen Abstand der beiden Leinwände voneinander.

 

Die Arbeiten entstehen alle auf die gleiche Art und Weise, einen wiederholbaren Prozess, doch gleicht kein Werk dem Anderen.

Das Werk besteht immer aus einer mit Knochenleim versiegelten und dann grundierten und einer darüber fixiertenungrundierten Leinwand. Durch den Farbauftrag, das Aufsprayen auf die ungrundierte Leinwand entsteht auf der darunterliegenden ein Abbild, ein Extrakt durch die Leinwandstruktur, die wie eine Art Schablone wirkt. Wenn die Leinwand abgezogen wird entsteht die erste „Durchdringung“, die Farbe dringt durch das Gewebe und hinterlässt Strukturen. Da der Abstand der beiden Leinwände nie exakt gleich sein kann, entstehen Stellen mit Flecken und Unschärfen, die dem Bild eine gewisse Lebendigkeit geben.

Aber auch die abgezogene, von Farbe durchtränkte Leinwand verändert sich, die Poren schließen sich und somit ist sie nicht mehr für diesen Prozess zu gebrauchen, ebensoentstehen auch auf der Rückseite künstlerische Strukturen.

Das experimentelle Umgehen mit dieser Technik über Jahre hinweg, führt zu immer wieder veränderten Ergebnissen, bis hin zu einer 40-maligen Wiederholung des Prozesses, an dessen Ende die Bündelung allen Schaffens steht, eine fast schwarze Leinwand.

Gezeigt werden hierdemnachArbeiten in unterschiedlichen Zuständen, im Kunstverein Heppenheim ist zum ersten Mal ein Werk in dem Momentausgestellt, bevor die Leinwand abgezogen wird. Das eigentliche Bild bleibt für das Auge des Betrachters hinter der tiefschwarzen, samtig wirkenden Oberfläche verborgen, die wiederum ein eigenes Kunstwerk darstellt.

Hier findet sich auch der Bezug zum Ausstellungstitel „blind“, denn der Künstler sieht während der Entstehung der Arbeit nicht, wie das darunterliegende Werk tatsächlich aussieht, er arbeitet gewissermaßen blind. Erst nach Abnahme der oberen schwarzen Leinwand, deren Poren jetzt verschlossen sind, kommt das Ergebnis zu Tage. Wird dieser Vorgang nur einmal durchlaufen, entstehen die hellen, auf den ersten Blick fast weißen Werke, die bei näherem Hinsehen stellenweise Nuancen einer ganz feinen, dezenten Rasterstrukturaufweisen.

Es entsteht eine „gegenständliche“ Struktur, bei der der Weg der Farbe erkennbar bleibt. Je häufiger dieser Prozess auf dem gleichen Bild wiederholt wird – Czerlitzki legt bis zu 40mal eine neue Leinwand auf- desto dunkler und gleichzeitig auch räumlicher und streifiger erscheint die Struktur. Durch die Vielzahl der übereinandergelegten hauchdünnen Schichten entsteht, ähnlich wie bei den alten flämischen Meistern des 15. und 16. Jahrhunderts, eine räumliche Tiefe und fein glänzende Oberfläche.Die Werke stellen den Extrakt der puren Spuren von Farbe dar, die die ursprünglich aufgelegte Leinwand durchdrungen hat.

Wichtig ist, dass es sich um eine serielle Arbeit handelt, die über mehrere Jahre entstanden ist, deren erstes Werk genauso wichtig ist, wie das letzte. Der Prozess des Erschaffens soll sichtbar gemacht werden, die Werke besitzen unterschiedliche Vorder- und Rückseiten, die jedoch nicht gleichzeitig vom Betrachter erfassbar sind.

Es erfolgt gewissermaßen eine Verdopplung des Bildträgers. Die Werke werden auf Leinwand, Farbe und Struktur reduziert, kein inhaltlicher Bezug wirkt störend auf die Bilderfahrung.Es existiert noch nicht einmal mehr ein Duktus oder eine Handschrift. Der Künstler begibt sich auf die Ebene des Betrachters, der nun die Möglichkeit der direkten Bildwahrnehmung hat.

Ebenso wichtig wie die Entstehung der Arbeiten, ist denen Positionierung im Raum. Die fast, aber nicht genau quadratischen Werke hängen mit einem sehr geringen Abstand zu Boden (wodurch sie fast stehend wirken) gleichmäßig aufgereiht im Raum, begrenzen ihn wie Monumente und scheinen doch gleichzeitig zu schweben. Die klassische Gemäldeaufhängung an der Wandwird auch durch die Einbeziehung der Fenster aufgehoben. Durch diese Installation wirken die Arbeiten raumgreifender, stahlen jedoch auch eine gewisse Ruhe und Erhabenheit aus und verweisen ausschließlich auf sich selbst.  Der Betrachter, der zwischen all diesen Werken steht, wird von einem zum anderen weitergeführt, wird zur direkten Auseinandersetzung mit ihnen aufgefordert,  immer wieder auf sich selbst und seine Reflexion über den ihn umgebenden Kunstraum zurückgeworfen und Gedanken formieren sich über die grundlegende  Betrachtung der Welt.

Die Ausstellung wird zur Begegnungsstätte mir einer Kunst, die auf die Quintessenz ihrerselbst zurückgreift.

Zum Abschluss möchte ich noch ein chinesisches Sprichwort zitieren das lautet: „Große Kunst ist dann erreicht, wenn man nichts mehr weglassen kann.“

Dr. Anke Emig

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